Über Hans Driesch

Hans Driesch (1867 - 1941)

Hans Driesch (1867 – 1941)

Prof. Dr. Hans Driesch (1867-1941) erscheint auf den ersten Blick wie ein typischer Gelehrter seiner Zeit. Schaut man näher auf seinen Werdegang, ist dieses pauschale Urteil zu revidieren. Es gibt kaum einen vielseitigeren zeitgenössischen Denker, dessen quantitative Leistungen auch ähnlich qualitativ zu überzeugen vermögen. Driesch war zunächst Biologe, entwickelte sich aber im Laufe der Zeit zu einem der interessantesten Philosophen der Weimarer Republik mit weltweiter Anerkennung und Ausstrahlung. Sein Werkverzeichnis, das fünfzig Forschungsjahre dokumentiert, umfasst mehr als vierhundert Eintragungen mit über dreißig Monographien.

Seine kosmopolitische Einstellung war ihm quasi schon in die Wiege gelegt worden: geboren in Kreuznach, als Schüler in Hamburg, als Student in Freiburg, Jena und München, gefolgt von zwei Indienreisen und Laboraufenthalten zu Experimentalzwecken auf Helgoland, in Triest, Lesina und mehrfach in Neapel (das er einmal über einen Ausflug nach Russland erreicht), als Professor in Heidelberg, Köln und Leipzig mit Auslandsvorträgen in England, China, Japan und Nordamerika sowie später in Argentinien und Brasilien.

Begonnen hat Driesch zunächst als Student der Biologie in Freiburg bei August Weismann und dann als Schüler und Anhänger Ernst Haeckels in Jena, bei dem er mit einem lediglich handschriftlich eingereichten ersten Teil eines auf Fortsetzung angelegten Aufsatzes „Tektonische Studien an Hydroidpolypen“ zum Dr. phil. promoviert wurde. Das ihm durch den Tod seiner Mutter zugefallene Erbe ermöglichte Driesch, die Assistenstelle bei Haeckel auszuschlagen und eigene Forschungswege zu gehen. Als Driesch 1891 Versuche Haeckels nachprüfen wollte und sich im Entwicklungsstadium befindliche Seeigeleier zerschnitt, die sich überraschenderweise nicht zu halben, sondern zu ganzen Exemplaren vervollständigten, führten diese Ergebnisse zum Bruch mit Haeckel. Driesch hatte nämlich in seinen Experimenten selbstregulierende Systeme entdeckte, deren Entwicklung mit den herkömmlichen Theorien nicht erklärbar war. Nachträglich ist Driesch durch diese Versuche zum Begründer der Klon-Forschung geworden.

Seine experimentellen Ergebnisse veröffentlichte in der von Wilhelm Roux neugegründeten „Zeitschrift für Entwicklungsmechanik“, brach aber auch bald mit diesem. In der Folge entwickelte sich Driesch zum führenden Vertreter des (Neo-)Vitalismus und forderte die Unabhängigkeit der Biologie vom mechanischen Weltbild der Physik. Seine erste selbständige Schrift „Die mathematisch-mechanische Betrachtung morphologischer Probleme der Biologie“, die auch im Jahre 1891 erschien, weist ihn nach Adolf Meyer-Abich als Begründer der theoretischen Biologie aus.

Noch deutlicher fordert Driesch zwei Jahre später in „Die Biologie als selbständige Grundwissenschaft“ die Eigenständigkeit der Biologie, und in seinem grundlegenden und umfangreichen Aufsatz „Die Lokalisation morphogenetischer Vorgänge“ von 1899 schließlich vertritt er diesen Standpunkt dann in voller Klarheit, und spätestens durch seine Monographie „Die organischen Regulationen. Vorbereitung zu einer Theorie des Lebens“ galt er allgemein als Neovitalist. Die Biologie enthält nach Driesch einen sogenannten vitalistischen Faktor, den Driesch in Anlehnung an Aristoteles „Entelechie“ nennt.

Die Schrift „Die ‚Seele’ als elementarer Naturfaktor“ von 1903 verfestigt diese Position weiter. Schon zuvor allerdings hatte in kleineren Aufsätzen wie z. B. „Über den Wert des biologischen Experiments“ von 1897 und „Von der Allgemeingültigkeit wissenschaftlicher Aussagen“ von 1900 sich als methodologisch besonders interessiert erwiesen. Den bedeutendsten Niederschlag fand dies dann in der Veröffentlichung seines umfangreichen und auch heute noch durchaus lesenswerten Buches „Naturbegriffe und Natururteile“ von 1904. Drieschs Position in der wissenschaftlichen Welt war nun schon so gefestigt, dass er sich 1905 mit „Der Vitalismus als Geschichte und als Lehre“ den Ruf erwarb, der ihn in den Jahren 1907 und 1908 zum Gifford-Lecturer an der Universität in Aberdeen qualifizierte.

Die in zwei dicken Bänden erschienenen Vorlesungen trugen im Original den Titel „The Science and Philosophy of the Organism“ und sind spätestens mit der deutschen Ausgabe als „Philosophie des Organischen“ zum Standardwerk avanciert. Dieses Werk überarbeitete Driesch in mehreren Auflagen, wobei die zweite von 1921 die ausführlichste ist (die dritte wurde vernichtet, die vierte stark gekürzt). Hier ist in einem einzigen Werk deutlich zu sehen, dass die Lebensleistung von Hans Driesch in der Betonung ständiger Auseinandersetzung und Infragestellung nicht nur anderer Ansichten, sondern auch der eigenen Meinungen besteht. Drieschs Werk-Corpus ist sozusagen eine Wissenschaft im Werden, also eine, die sich ständig weiter entwickelt und sich nicht auf Erreichtem ausruht.

Das bis zu diesem Zeitpunkt von Driesch Geleistete reicht der Universität Heidelberg im Jahre 1909 aus, um Driesch für Naturphilosophie zu habilitieren, die Anfertigung einer Habilitationsschrift wird ihm aufgrund seiner bisherigen Veröffentlichungen erlassen. 1911 wird er zum außerordentlichen Professor ernannt, 1917 zum Nachfolger von Emil Lask. Die neukantianische Schule in Heidelberg prägt Driesch, er triff auch regelmäßig mit Max Weber zusammen.

Das philosophische Hauptwerk Driesch, das aus der Auseinandersetzung seiner biologischen Ansichten mit den Lehren Immanuel Kants erwächst. Der höchst interessante Versuch, kant-immanent zu argumentieren, ist in dem 1911 in den Kantstudien erschienenen Aufsatz „Die Kategorie ‚Inidividualität’ im Rahmen der Kategorienlehre Kants“ veröffentlicht, wobei er die Auseinandersetzung mit Kant auch später noch weiterführt, vor allem 1917 mit den Aufsätzen „Skizzen zur Kantauffassung und Kantkritik“ und dann 1924 vorerst abschließend mit „Kant und das Ganze“.

Das sich mit dieser Kontroverse ankündigende Hauptwerk Drieschs ist seine „Ordnungslehre“ von 1912, dem ähnlich wie bei Kants „Kritik der reinen Vernunft“ mit anschließender „Prolegomena“ ein Jahr später Drieschs „Die Logik als Aufgabe“ nachfolgt. Der Grundgedanke der Ordnungslehre ist die Idee des methodischen Solipsismus, also der sich an der kopernikanischen Wende Kants orientierenden vorläufigen Beschränkung auf die Welt des Erkennenden, also die Frage, welche Voraussetzungen im erkennenden Subjekt der Erkenntnis der Außenwelt vorausgehen.

Die Induktionskritik Karl Poppers vorwegnehmend veröffentlicht Driesch 1915 den Aufsatz „Zur Lehre der Induktion“, der die Vorlage für die 1917 die Ordnungslehre ergänzende „Wirklichkeitslehre“ darstellt, die er ausdrücklich einen „Versuch“ nennt. Die Wirklichkeitslehre versucht aufbauend auf der als „sicher“ angenommenen Ordnungslehre, metaphysische Aussagen über die Welt zu machen, und zwar mittels induktiver Hypothesen. Von den drei praktischen Postulaten Kants (1. Gott, 2. Freiheit, 3. Unsterblichkeit) wählt Driesch für die ausführlichste Darstellung „Das Problem der Freiheit“, eine Schrift, die 1917 gleichzeitig mit der Wirklichkeitslehre erscheint.

Dem Gottesproblem widmet Driesch 1918 zwar keine Monographie, wohl aber einen längeren Aufsatz mit dem Titel „Die Beschaffenheit des höchsten Objekts“, später durch „Die Gottesbeweise“ von 1926 ergänzt. Unsterblichkeit thematisiert er hingegen nur in kleineren Beiträgen separat. Die biologischen Themen sind aber nur scheinbar in den Hintergrund getreten, denn noch 1916 erscheint die Publikation „Leib und Seele“ und 1919 folgt „Der Begriff der organischen Form“, gleichzeitig mit „Wissen und Denken“, einer Schrift die wiederum das philosophische System Drieschs weiterführt.

1920 erhält Driesch von der Berufungskommission der neu gegründeten Universität Köln in Konkurrenz unter anderem zu Jonas Cohn, Martin Heidegger und Karl Jaspers einstimmig den Ruf als Ordentlicher Professor, dem ein Jahr später die Krönung der beruflichen Laufbahn durch die Berufung als Institutsdirektor in Leipzig folgt. Die akademische Lehre bringt ein anderes Interesse Drieschs zum Vorschein, die methodische Aneignung von Wissen. Schon 1919 hatte er „Zur Reform des Gymnasiums“ veröffentlicht und nun 1921 folgt die später von Driesch noch mehrfach überarbeitete Broschüre „Wie studiert man Philosophie?“, mit der er auch als Begründer der philosophischen Fachdidaktik gelten darf. Seine eigene Entwicklung stellt er in seiner Selbstdarstellung „Mein System und sein Werdegang“ von 1921 dar.

In den ersten Leipziger Jahren erscheint neben vielen kleinen Aufsätzen nur eine einzige eigenständige Schrift mit dem Titel „Das Ganze und die Summe“, in der er seinen vitalistischen Ansatz bekräftigt. Viel Zeit widmet er neben seinen Vorlesungen auch den zahlreichen Neuauflagen vieler seiner Werke. Ganz besonders am Herzen liegt ihm hier die Überarbeitung seiner Hauptwerke, der Ordnungslehre und der Wirklichkeitslehre, die beide in zweiter Auflage erscheinen, aber grundlegende Verbesserungen erhalten.

Daneben tritt unter dem Titel „Eine neue Wissenschaft?“ erstmals die Parapsychologie in seinen Blick, der er sich später ausführlicher widmen wird. Keineswegs kann also davon gesprochen werden, dass Drieschs Beschäftigung mit der akademisch verpönten Materie eine Art Rückzug aus der Wissenschaft infolge seiner späteren Sanktionierungen durch das Dritte Reich darstellt. Auch seine Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie im Jahre 1924 („Relativitätstheorie und Philosophie“, in zweiter Auflage 1930 als „Relativitätstheorie und Weltanschauung“) ist keineswegs als Absonderlichkeit eines älteren Herren zu werten.

Zwar hat sich weder Drieschs Befürwortung der Parapsychologie etablieren, noch seine Ablehnung der Relativitätstheorie halten können, aber anders als die in der damaligen Zeit durchaus schon üblichen Anfeindungen Einsteins etwa durch die „Deutsche Physik“ von Philipp Lenard und anderen sind Drieschs Einwände sachlicher Natur (wenn auch aus heutiger Sicht falsch). Und ebenso beschränkt sich die Beschäftigung Drieschs mit der Parapsychologie auf die reine methodische Prüfung angeblicher parapsychologischer Phänomene. Stellvertretend für seine zurückhaltende Betrachtungsweise kann der Titel eines Aufsatzes aus dem Jahre 1927 stehen, in dem er lediglich „Vorschläge zur methodischen Verbesserung der ‚Margerie’-Untersuchungen“ unterbreitet, um die behauptete Medium-Tätigkeit noch genauer als bisher zu durchleuchten. 1932 erscheint Drieschs „Parapsychologie“ die bis heute als die bedeutendste methodische Abhandlung zu diesem Thema gilt.

1924 veröffentlichte Driesch noch den Band „Metaphysik“, bevor er der Einladung nach China folgt, wo er Vorlesungen halten wird, die er mit entsprechenden Aufenthalten in Nord- und Südamerika verbindet. Die literarische Frucht dieser Reise bietet der gemeinsam mit seiner Frau verfasste Erlebnisbericht „Fern-Ost. Als Gäste Jungchinas“ von 1925. Die weitere Reise führt ihn zu Vorträgen nach Japan und Nordamerika. In zahlreichen Zeitungsbeiträgen diskutiert er die pädagogischen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem amerikanischen System. Die internationale Wahrnehmung Drieschs führt zu zahlreichen Übersetzungen seiner Werke vor allem ins Englische.

Immer mehr in seinen Blickwinkel gerät nun die Psyche, woraus 1926 die Schrift „Grundprobleme der Psychologie“ erwächst, die sogar ins Griechische übertragen wird.

1927 wagt er sich mit „Die sittliche Tat“ auch an den Entwurf einer Ethik, was wohl aus den politischen Erfahrungen jener Jahre zu erklären ist. Driesch hatte Aufrufe zu Gunsten des Philosophen Theodor Lessing und anderer unterzeichnet, deren Vorlesungen von Nationalsozialisten gestört worden waren. Im Zusammenhang mit anderen politischen Äußerungen Drieschs führte dies schon 1933 zu seiner vermeintlich freiwilligen Emeritierung durch die Nationalsozialisten, verbunden mit einem faktischen Redeverbot. Publizieren darf er noch zwar noch, aber nur fachwissenschaftlich.

In den letzten Lebensjahren Drieschs erscheinen eine Reihe Bücher, die eher zusammenfassender Natur sind, 1928 „Der Mensch und die Welt“, 1935 „Die Maschine und der Organismus“ sowie „Die Überwindung des Materialismus“ und 1938 „Alltagsrätsel des Seelenlebens“, dennoch alles Schriften, die auch neue Aspekte ansprechen. Unbedingt erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der umfangreiche Aufsatz „Kausalität und Vitalismus“ im Schopenhauer-Jahrbuch 1939.

Dass er insbesondere sein eigenes Werk auch als ein Werk im Werden ansah, dokumentieren einige seiner letzten Schriften, beginnend mit „Philosophische Forschungswege“ von 1930, gefolgt von „Philosophische Gegenwartsfragen“ von 1933 und seiner letzten eigenständigen Veröffentlichung „Biologische Probleme höherer Ordnung“, womit sich der Kreis zur Biologie wieder schließt. Diese Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie in die Zukunft hinein Ideen für künftige Forschungen anregen.

Selbst in seinem letzten vollständigen Lebensjahr überprüft er noch einmal den von ihm selbst als voraussetzungslos zugrundegelegten Ursachverhalt der Erkenntnis in seiner Schrift „Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis“ von 1940. Vorbereitet wurde dieser Neuansatz Drieschs von einer Reihe Aufsätze, die er in den letzten Lebensjahren in der Zeitschrift „Synthese“ erschienen ließ: „Das Apriori als Erlebnis“ von 1937, „Das Ding“ von 1938 und „Das Sein“ von 1939. Als letzter umfangreicher Aufsatz erschien im Jahre 1941 „Die Formen des Erkennens und der Erkenntnistheorie“ im Schopenhauer-Jahrbuch.

Posthum erschienen 1951 noch Drieschs „Lebenserinnerungen“, seine höchst lesenswerte Autobiographie. Ebenfalls nach seinem Tod erschienen einige Zweit- und Drittauflagen und auch Übersetzungen, „Philosophie des Organischen“ noch 2009 und „Der Vitalismus als Geschichte und als Lehre“ noch 2012. Angeführt werden die Neudrucke allerdings von Drieschs „Parapsychologie“, die allein in deutscher Sprache bis heute wohl mindestens sieben Nachdrucke erlebte.

Auf die nachfolgende Generation hat er, wenn auch nicht schulbildend, so doch anregend gewirkt. Über einhundert Promotionen zu den verschiedensten, auch seinen eigenen Denkweisen eigentlich entgegenstehenden Themen und Personen hat er betreut. Mindestens zehn Absolventen sind  später selbst Professoren wurden. Neben seinen beiden Musterschülern Werner Schingnitz und Arnold Gehlen hat er auch auf andere Anthropologen wie Helmuth Plessner und Methodiker wie Hugo Dingler und Eduard May und auch auf Neukantianer wie Richard Hönigswald gewirkt. Auf ihn bezogen sich auch die späteren Nobelpreisträger Thomas Hunt Morgan, Hans Spemann und Percy W. Bridgman – und zu seinen Schülern gehörten so unterschiedliche Personen wie Walter Ehrlich, Norbert Elias, Erich Fromm, Ernst Jünger, Jacques Maritain, Walter Nick und Helmut Schelsky.

Driesch war zeitlebens darum bemüht, seinen Horizont zu erweitern, er prüfte seine Forschungsergebnisse und die anderer Wissenschaftler sorgsam, war tolerant und auch seinen theoretischen Gegnern gegenüber aufgeschlossen. Über den Tellerrand der eigenen Forschungen hinauszublicken, war eines seiner vornehmsten Ziele, und seine breite Wirkung ist die Folge dieser Vielfältigkeit, die sich von der experimentellen Naturwissenschaft ausgehend über fast alle Geistesgebiete erstreckt.

Dr. Thomas Miller, Magdeburg